Offen, transparent, modern

Sechs Frauen berichten, wie die Gleichberechtigung ihrer Meinung nach die Kirche verändern würde

Liesel Welters (M.) und Monika Schmitz (vorne) engagieren sich schon seit vielen Jahrzehnten in verschiedenen Gremien und Gruppen in der Kirche, unter anderen in der KFD und bei Maria 2.0. (c) Garnet Manecke
Liesel Welters (M.) und Monika Schmitz (vorne) engagieren sich schon seit vielen Jahrzehnten in verschiedenen Gremien und Gruppen in der Kirche, unter anderen in der KFD und bei Maria 2.0.
Datum:
Di. 30. März 2021
Von:
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 13/2021 | Garnet Manecke

Die letzten, die Jesus am Kreuz beistanden, waren Frauen. Frauen waren auch die ersten, die am Tag der Auferstehung an seinem Grab waren und denen er sich zeigte. Da ist es verwunderlich, dass Frauen zwar in der Ostergeschichte eine wichtige Rolle spielen, in der Kirche aber nicht. Mit Maria 2.0 sind die Stimmen, die die Geschlechtergerechtigkeit in der Kirche fordern, wieder lauter und eindringlicher geworden. Aber wie stellen sich Frauen so eine Kirche vor? Die KirchenZeitung hat nachgefragt.

>> Liesel Welters, Mitglied der KFD und bei Maria 2.0 in Mönchengladbach

Die Machtstrukturen in der Kirche müssen aufgebrochen werden. Der ganze Klerikalismus muss aufhören, das darf nicht sein. Und die Erhöhung einer geweihten Minderheit über die Laien muss auch aufhören. Kirche bleibt nur dann glaubwürdig, wenn sie ein Miteinander pflegt. Es müssen die Menschen mit ihren Talenten gesehen werden. Offenheit für Ideen und Kreatitivät muss da sein, damit der Prozess ständiger Veränderung und Weiterentwicklung bleibt. Die Kirche muss ein freundlicheres Gesicht haben, sie muss eine geschwisterliche Kirche sein. So stelle ich mir die Kirche vor, wenn es die totale Geschlechtergerechtigkeit gibt. Männer schließen Seilschaften und Frauen schließen Netzwerke. Dadurch schaffen sie Veränderung und Erneuerung. Diese Netzwerke bieten Platz für viele, man bleibt in Kontakt und erhält Anregungen. Netzwerke tragen auch in Zeiten wie diesen. Wir Frauen suchen uns schon jetzt neue Formen und Nischen, um unserem Glauben Ausdruck zu geben. In einer Talkshow hat das die Vertreterin von Maria 2.0 mal schön gesagt: „Die Kirche sind die dicken Mauern, mit einer Tür. Dahinter eröffnen sich viele kleine Gärtchen, die wir angelegt haben.“ Wenn wir das Tor weiter aufmachen, wären auch verschiedene Leitungsformen in den Gemeinden möglich.

>> Monika Schmitz, Vorstand im KFD-Diözesanverband Aachen

Ich könnte mir gut vorstellen, dass Frauen ihre eigene Lebenswelt in ihre Arbeit in der Kirche mitbringen. Viele von uns sind Mütter oder haben andere, vielfältige Aufgaben zu erfüllen. Wir haben zu vielen Themen einen anderen Zugang. Wenn Frauen in der Kirche gleichberechtigt wären, dann würde die Kirche liebenswerter, glaube ich. Frauen sind oft kommunikativer. Eine Fähigkeit, von der Männer ja auch sehr viel zehren. Ich kann mir vorstellen, dass das, auf das Gesamtbild gesehen, eine andere Atmosphäre in die Kirche bringt. Für die Akzeptanz von Kirche ist das Thema Gleichberechtigung sehr wichtig. Viele junge Frauen verstehen nicht, warum sie aus vielem ausgeschlossen werden, nur weil sie Frauen sind. Auch so wäre das ein gutes Zeichen nach außen in eine Welt, in der die Unterdrückung von Frauen in vielen Ländern ja Realität ist: zu zeigen, dass das bei Gott nicht so ist. Vor Gott sind alle Menschen gleich. Das ist ein wichtiges Zeichen.

>> Lucia Traut , Diplom-Theologin und Religionswissenschaftlerin

Lucia Traut engagiert sich in ihrer Heimatgemeinde in der Katechese. (c) privat
Lucia Traut engagiert sich in ihrer Heimatgemeinde in der Katechese.

Ich fände es spannend, wenn Kirche ein Ort gelebter Utopie wäre und weltweit wirkliche Geschlechtergerechtigkeit lebte. Wir müssen uns da nichts vormachen: Auch in Deutschland wird das ja nicht gelebt: Hier haben Mädchen und Frauen nicht die gleichen Chancen. Das Christentum würde sich dafür besonders eignen. Denn ursprünglich war das ja mal die Religion für Frauen, Kinder und Sklaven. Wären Frauen in der Kirche komplett gleichberechtigt, würde ihre Kompetenz aufgrund dessen, was sie tun und gelernt haben, sichtbar werden. Ich kann mir auch vorstellen, dass dann die Leute, die Ahnung von Caritas haben, gehört werden und Theologie lebensnäher wird.

Frauen bringen stärker den Ausgleich, der Wettstreit ist bei ihnen nicht so ausgeprägt. Das könnte der Kirche sehr gut tun, die Communio stärken und den Sinn für Vielfalt stärken. Dass die Kirche eine große Institution ist, mit ihren Strukturen und ihrem Machtgerangel, würde sich nicht ändern. Aber sie würde wahrscheinlich transparenter.

Weltweit betrachtet, würde die Gleichberechtigung den Stand der Kirche in einigen Ländern vermutlich erschweren. Wenn Kirche das vorlebte, könnte ich mir vorstellen, dass die Verfolgung stärker wird. Aber Jesus hat ja auch nicht gesagt: „Die Römer erlauben uns den Glauben nicht, also glauben wir nicht.“ Als weltweite Institution könnte Kirche für Frauen und Männer Schutzräume sicherstellen.

Und zum Schluss ist die Gleichberechtigung ja auch eine Ressourcenfrage: Sich 50 Prozent der Menschen zu verschließen, ist einfach dumm. Ich kenne viele Frauen, die ihre Kinder nach christlichen Werten erziehen, das aber anders nennen. Mit einer Kultur, die Diversität und Geschlechtergerechtigkeit nicht zulässt, werden wir die Herausforderungen der Zukunft nicht stemmen.

>> Ingrid Beschorner, Referentin für Jugendarbeit bei Kathja

Ingrid Beschorner engagiert sich für die Verständigung zwischen Religionen und gegen rechts. (c) KathJa Bistum Aachen
Ingrid Beschorner engagiert sich für die Verständigung zwischen Religionen und gegen rechts.

Ich glaube, wenn Frauen begleitet werden, um Positionen mit Entscheidung und Verantwortung zu übernehmen, würde vieles umfassender, wenn vielleicht auch langsamer laufen. Junge Frauen müssen dann von erfahrenen Frauen begleitet werden. Ich stelle immer wieder fest, dass junge Frauen, wenn sie mit ihrer Ausbildung fertig sind, noch kein Standing haben. Da fehlt es an Kompetenz, Konflikte auszuhalten und zu führen. Es gibt eben immer noch eine weibliche und eine männliche Erziehung. Junge Frauen müssen lernen, ihre Meinung zu vertreten und auszuhalten – besonders gegenüber  Männern, die nur blubbern. Das veränderte das Klima. Es wäre nicht mehr ein „gerade durch“, sondern es gäbe auch Zeit, mehrere Seiten anzuschauen. Was die Themen angeht, glaube ich, dass das Sich-mehr-Zeit-lassen zu anderen Entscheidungen führte. Zwischentöne würden eher wahrgenommen und es würden sicher auch Themen in den Fokus genommen, die Männer nicht interessieren. Gleichberechtigte Frauen führten in unserer Kirche vermutlich zu einer Gesprächskultur. 

>> Monika Heidenfels, Gemeindereferentin GdG MG-Ost

Monika Heidenfels hat am Predigerinnentag 2020 teilgenommen. (c) KFD
Monika Heidenfels hat am Predigerinnentag 2020 teilgenommen.

In einem KFD-Papier steht, dass sich das Fremd- und Selbstbild der Frauen verändert. Das ist eine gute Voraussetzung dafür, dass wir aus der Drittklassigkeit herauskommen, weil wir weder Priester noch Männer sind. Wir brauchen keine Männer, die uns sagen, wie wir als Frauen und Mütter zu sein haben. Die Gleichberechtigung der Frauen, die ja auch im Grundgesetz verankert ist, in der Kirche würde zeigen, dass die Kirche in der Moderne angekommen ist. Vor 30 Jahren habe ich in einem Seminar in Paderborn vom Phänomen Junia gehört, die als Apostelin von Petrus genannt wurde. Später wurde im Evangelium aus ihr Junias, ein Mann. So lange sind wir an dem Thema schon dran. Ich denke, es würde sich atmosphärisch eine Menge ändern. Es wäre ein ganz anderer Führungsstil. Als wir Frauen anfingen, Wortgottesfeiern zu gestalten, wurden die anders. Das ist so ähnlich wie bei einem Lehmboden, der fest ist. Wenn ich da Muttererde beimische, dann wird er lockerer und durchlässiger. Pflanzen können da besser wachsen. Ich glaube auch, dass Bereiche wie die Care-Arbeit und die Caritas, in der vermehrt Frauen tätig sind, eine höhere Wertigkeit bekämen.

>> Eva-Maria Jessen, Frauenseelsorgerin in Gangelt

Frauen haben eine andere Perspektive, einen anderen Blick auf die Dinge. Wenn sie mehr mitentscheiden könnten, würde das die Entscheidungen bereichern. Im Moment fließt ihre Lebenserfahrung in Kirche nicht mit ein. Wenn Frauen in der Kirche gleichberechtigt wären, würden wir es vielleicht wieder schaffen, die frohe Botschaft viel mehr ins alltägliche Leben zu tragen. Wir machen in der Frauenseelsorge einen Frauenpilgertag, den Weltgebetstag und ein Kino-Dinner: Das alles klingt jetzt erst mal nicht so religiös. Aber hier findet Begegnung statt, und wir reden über unseren Glauben. Und das täten wir vielleicht mehr im Alltag, wenn Frauen in der Kirchenführung wären. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir dann glaubwürdiger und authentischer würden. Gott hat eine Vielfalt gestaltet – die Geschlechtergerechtigkeit würde das abbilden. Unserer Kirche würde das gut tun. Männer und Frauen nicht gegeneinander ausspielen, sondern uns wertschätzend gegenseitig respektieren und das Beste von beiden Seiten zusammenbringen.