„Es bleibt genug zu tun“

Generalpriorin Sr. Katharina Hemmers bezieht klar Stellung zur päpstlichen Schrift „Querida Amazonia“

Geweihte Frauen am Altar sind in absehbarer Zukunft wohl keine Option in der  katholischen Kirche. (c) www.pixabay.com
Geweihte Frauen am Altar sind in absehbarer Zukunft wohl keine Option in der katholischen Kirche.
Di 18. Feb 2020
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 08/2020

Mit Spannung haben vor allem Frauen auf das postsynodale Schreiben zur Amazonien-Konferenz gewartet, und viele haben Hoffnungen daran geknüpft. Die Kirchenzeitung hat sich bei den Gemeinde- und Pastoralreferentinnen umhören wollen, wie sie mit der Entscheidung gegen die Frauenweihe und das Diakonat für Frauen umgehen. Fazit: Viele sind emotional sehr berührt und sehen sich zu einer Meinungsäußerung zum jetzigen Zeitpunkt außerstande. Einige reagierten durch Schweigen  oder direktes „Abwinken“ auf die Anfrage. Es macht sprach- und ratlos, dass Frauen nicht offen das Wort ergreifen möchten. Generalpriorin Sr. Katharina Hemmers OP der Dominikanerinnen von Bethanien allerdings bezieht differenziert Stellung. 

Welche Erwartungen hatten Sie mit „Querida Amazonia“ verbunden?

Wenn ich mich frage, ob eine päpstliche Verlautbarung jemals Einfluss auf meinen Glauben oder mein Leben hatte, muss ich das, anders als meine konzilsgeprägten Mitschwestern, klar verneinen. So bin ich auch bei dieser angekündigten Veröffentlichung völlig erwartungsfrei gewesen, habe aber die Hoffnungen vieler Menschen in meiner Umgebung gespürt, die vor allem durch die Enzyklika „Laudato si“ und die Diskussionen im Vorfeld genährt waren. 

 

Ihre aktuelle Gefühlslage hierzu ist …

Selten habe ich auf eine Mitteilung aus dem kirchlichen Kontext so intensive Reaktionen sowohl bei meinen Mitschwestern als auch bei mir selbst wahrgenommen, wie nach dem Bekanntwerden des Schreibens von Papst Franziskus.  Starke Gefühle suchten sich Raum, von Wut über Verzweiflung, Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit, aber auch Verständnis für die Situation eines Papstes im Kontext der Weltkirche. Ich erlebte Schwestern, die hin- und hergerissen waren zwischen dem Gefühl, nicht mehr Teil dieser Kirche sein zu wollen und der tiefen spirituellen Liebe zum eigenen Ordenscharisma. Noch nie habe ich in so kurzer Zeit so viele Witze über die Kirche gehört wie in den letzten Tagen oder habe Menschen über die Kirche weinen sehen. Auch ich selbst habe es zunächst wie einen Schlag in die Magengrube erlebt. Bei näherer Betrachtung macht mir vor allem die Verkürzung und Verengung zu schaffen, die ich darin lese. Ich verstehe nicht, warum Papst Franziskus im Kapitel über die Kraft und Gabe der Frau so auf den Unterschied zwischen den Geschlechtern fokussiert.

Wenn „der Herr seine Macht und seine Liebe in zwei menschlichen Gesichtern“ kundtun will, „das seines göttlichen menschgewordenen Sohnes und das eines weiblichen Geschöpfes Maria“, warum sind dann deren Beiträge zur Kirche von ihrer genetischen Gestalt als Mann oder Frau abhängig? Warum einerseits im Punkt 100 die Einladung, unseren Blick zu weiten und das Verständnis von Kirche nicht auf funktionale Strukturen zu reduzieren, aber gleichzeitig im Punkt 101 eine geschlechtliche Reduzierung vorzunehmen, die bestimmte Eigenschaften als Beitrag Frauen zuschreibt. Warum ordnet er sie Männern und Frauen verschieden zu? Es macht mich traurig, weil es meine Erfahrungen zu negieren scheint, dass es vor allem Männer waren und sind, die mir mit großer Kraft und Zärtlichkeit, um nicht zu sagen Mütterlichkeit, begegnen. In diesen Männern habe ich so viel von der mütterlichen Liebe der Maria gefunden, dass erst sie mir einen Zugang zur Muttergottes erschlossen haben. Darunter waren und sind viele Priester, und ich will nicht glauben, dass dies allein der ja in priesterlichen Kreisen sehr verbreiteten, gleichgeschlechtlichen Orientierung geschuldet ist. Und natürlich bin ich dann andersherum auch verwundert, wie ein Mann, gleich wer, bestimmen will, was für mich als Frau wesensfremd ist, denn auch in dem dort Beschriebenen finde ich keinen Anschluss an meine eigenen Lebenserfahrungen.

 

Was bedeutet es für Ihre Arbeit vor Ort?

Mir wird mein Ansatz, mit diesen Zeiten des Umbruchs auf so vielen Ebenen umzugehen, immer wichtiger. Als eine mit der Leitung beauftragte Schwester bemühe ich mich, unter Berücksichtigung der Verschiedenheit einzelner Menschen und ihrer Begabungen die Möglichkeiten zu erhalten und so viel es geht zu vermehren. Begeistert haben mir meine Mitschwestern im Rheingau von der Visita-tion ihres Bischofs erzählt, der sie aus- drücklich ermutigt hat, neue Wege zu erkunden und sich dabei nicht festgelegt zu fühlen, sondern auch wieder aufzugeben, was nicht gut geht. Ich glaube, auf weite großzügige Spielräume kommt es heute an und auf mutige Kirchenleitungen, die diese Räume eröffnen.  

 

Welche Chancen auf Veränderung hat „Frau in der Kirche“ nach diesem Schreiben in dem Prozess „Heute bei dir“?

Nun, man kann keinem Bischof in Deutschland, auch Bischof Dieser nicht, vorwerfen, er habe Hoffnungen auf Veränderungen geweckt, die nun durch das Schreiben des Papstes und seine Aussagen frustriert worden wären. Somit ändert es auf der Ebene des Prozesses im Bistum zunächst aus meiner Sicht nicht viel. Faktisch werden sich aber wohl noch mehr Menschen, darunter viele Frauen, aus der Kirche und ihren Veränderungsprozessen, auch auf Bistumsebene, verabschieden. Seit Generationen warten Frauen in Deutschland ja berechtigterweise  darauf, dass der Artikel 3 Absatz 2 GG mit aller Konsequenz auch in der deutschen Kirche Gültigkeit besitzt und deshalb umgesetzt wird.

Vielleicht wird der Staat hier ähnlich wie in anderen Bereichen auch die Kirche in nicht allzu langer Zeit zum Handeln veranlassen. Bis dahin nährt sich mein Herz weiter von Männern im priesterlichen Amt wie dem hoch geschätzten Pfarrer Kursawa, in dessen Begräbnismesse im Januar dieses Jahres hier im „Schwalmtaldom“ berichtet wurde, er habe in seinem Nachlass bestimmt, seine priesterlichen Gerätschaften in der Familie zu belassen für die erste Frau aus seiner Familie, die ihm in diesem Amt folgt. Und wer weiß, vielleicht setzt in einem diözesanen Veränderungsprozess auch mal ein Bischof ein solch  berührendes Hoffnungszeichen für die Frauenordination. Wir Dominikanerinnen von Bethanien haben von der Kirche 2018 erneut den Auftrag bekommen, in hoffnungslosen Situationen die Hoffnung aufrecht zu erhalten, Ohnmacht solidarisch auszuhalten, vor allem aber für die von Gott geschenkte Würde jedes Menschen einzustehen. Es bleibt in unserer Kirche also für uns genug zu tun.

 

Das Gespräch führte Dorothée Schenk.