Demokratie in der Kirche

Der Jugendverband DPSG richtet seine Entwicklung an Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen aus

Demokratie ist das Gewusel von Positionen, aus denen sich möglichst breit getragene Lösungen entwickeln. Das leben Jugendverbände wie die DPSG vor, welche kürzlich in Steinfeld eine Bundesversammlung abhielt. Auf diese Weise Politik jungen Menschen erfahrbar zu machen, ist ein wichtiger Dienst an der Gesellschaft (c) DPSG Diözesanverband Aachen
Demokratie ist das Gewusel von Positionen, aus denen sich möglichst breit getragene Lösungen entwickeln. Das leben Jugendverbände wie die DPSG vor, welche kürzlich in Steinfeld eine Bundesversammlung abhielt. Auf diese Weise Politik jungen Menschen erfahrbar zu machen, ist ein wichtiger Dienst an der Gesellschaft
Mi 10. Jul 2019
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 28/2019

Was für eine ehrenvolle und freudige Aufgabe für die DPSG im Bistum Aachen: Kürzlich tagte die Bundesversammlung der Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg in Steinfeld. Die Aachener Gastgeber ziehen nicht nur ein zufriedenes Fazit, was die Organisation betrifft. Sondern sie haben aus dem Treffen Impulse mitgenommen, die für die Arbeit der Kirche mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen interessant sind – über den eigenen Verband hinaus. Das berichten im KiZ-Interview Diözesanvorsitzender Jonas Spinczyk und Diözesankurat Thomas Schlütter.

In Steinfeld haben die Delegierten mit ihren Beschlüssen den Verband kräftig in Bewegung gebracht. Was ist passiert?

Jonas Spinczyk    Wir haben eine neue Ordnung verabschiedet, die das Gruppenleben verändern wird. Eine neue Altersgruppe, die Biber, öffnet künftig schon Kindern ab fünf Jahren den Weg in den Verband. Und wir haben die Durchlässigkeit zwischen den Altersstufen erhöht. Denn die Kinder und Jugendlichen bringen unterschiedliche Fähigkeiten, Talente und Kontakte mit, und sie entwickeln sich
unterschiedlich und verschieden schnell. Damit wir ihnen besser gerecht werden in ihrer individuellen Situation, wollen wir die Übergänge flexibler gestalten.

Thomas Schlütter    So eine tiefgreifende Reorganisation erfordert Mut. Es greift ein in das, was jahrzehntelang Bestand hatte, was historisch gewachsen ist. Wir haben es uns nicht einfach gemacht, sondern viel darum gerungen. Ich denke, ein solcher Mut lohnt sich, um die richtigen Fragen auf die Zeichen der Zeit zu geben. Ich wünsche mir diesen Mut zur Erneuerung auch für die Kirche, wie überhaupt für die Gesellschaft insgesamt. Es ist an der Zeit, sich zu verändern.


Veränderungen ohne klare Ziele als Fundament machen wenig Sinn. Was sind Ihre Ziele, Ihre Werte, die Sie dem sich verändernden Verband zugrunde legen?

Thomas Schlütter   Auch zu dieser wichtigen Frage haben wir in Steinfeld Antworten gefunden. Und zwar haben wir in unsere Ordnung die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen hineingeschrieben. In vielen Punkten haben wir das schon gelebt in der DPSG, aber wir wollen unser verbandliches Handeln noch verbindlicher an Werten wie sozialer Gerechtigkeit, Respekt, Barrierefreiheit und ökologischer Nachhaltigkeit ausrichten. Diese Werte sind Richtschnur und Maßstab. Sie können nicht zu 100 Prozent erreicht werden, aber sie sollten immer vor Augen sein und uns im Handeln orientieren. Auch hier denke ich, dass es anderen Institutionen und Organisationen gut zu Gesicht stände, sich in so einer verbindlichen Form auf Entwicklungsziele zu verständigen. Diese haben große Schnittmengen mit unserem Glauben, zum Beispiel bei den Themen soziale Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.


Kann man solche Ziele einfach von oben her verordnen? Tragen sie dann?

Thomas Schlütter   Nein, das wäre kontraproduktiv. Ganz im Gegenteil gilt es, das nicht von oben herab zu beschließen, sondern durchzudeklinieren und auszuhandeln. Die Ziele lassen sich nur erreichen, wenn sie vor Ort mitgetragen werden. Wenn man zum Beispiel die Jugend stärker in das Geschehen einer Gemeinde integrieren möchte, muss man sie auch beteiligen. Was nützt ein hehres Ziel, wenn die Barrieren zu hoch sind? Wenn zum Beispiel ein Kirchenvorstand oder andere Gremien immer so spät tagen, dass Jugendliche mit ihrem eng getakteten Schulalltag nicht teilhaben können, ist ihre Mitsprache und Mitgestaltung nicht angemessen möglich.


Was setzen Sie dem entgegen?

Thomas Schlütter   Wir in der DPSG bieten, wie andere Jugendverbände in der Kirche auch, eine Menge Erfahrung auf, wie sich eine solche ernsthafte Teilhabe von Kindern und Jugendlichen gestalten lässt. Wir machen uns die Dinge nicht einfach, sondern lassen uns immer wieder von der Seite her anfragen. Beim Bundestreffen hatten wir zum Beispiel ein Basiscamp, wo Jugendliche und junge Erwachsene ohne offizielles Mandat in die Bundesversammlung hineinreden konnten. Sie sollten dabei sein, mit den Delegierten reden, mitkriegen, was läuft. Diese Transparenz allein ist schon sehr wichtig. Das Ganze sehe ich als wichtigen Impuls der Demokratisierung, auch für die Kirche generell. So ein Basiscamp empfinde ich als ein kleines Labor für den demokratischen und pastoralen Ernstfall.

Jonas Spinczyk   Es gilt, richtig hinzuhören, was Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene denken, brauchen, wollen. Die Fridays-for-future-Bewegung, die wir begrüßen, bringt auf den Punkt, dass dies von vielen gesellschaftlichen Akteuren nicht genug getan wird. Wir als Jugendverband hingegen hören hin, wir geben der Jugend eine Stimme, unterstützen sie darin, sich in die Entwicklung von Kirche und Gesellschaft einzumischen,

 

Immer häufiger drängt sich der Eindruck auf, die Demokratie gerate unter Druck. Was meinen Sie?

Jonas Spinczyk   Wir sehen ebenfalls mit Sorge die Zunahme etwa des Rechtspopulismus. Mit den Werten, die wir jetzt neu in unsere Satzung aufgenommen haben, jene 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen, gehen deren Positionen meist nicht überein. Insofern sehen wir es als wichtigen Auftrag für uns als kirchlichem Jugendverband an, aufzuklären und den Parolen entgegenzuwirken. Wir beziehen klar Stellung gegen Hetze und rechte Gewalt. Und ebenso wichtig ist, dass wir Politik erlebbar und erklärbar machen. In dieser politischen Bildung sehen wir als DPSG unseren Beitrag, die Demokratie gegenüber ihren Gegnern zu stärken.

Thomas Schlütter    Was wir als Jugendverband vorhaben und tun, sollte auch die Kirche insgesamt prägen. Wir müssen uns fragen: Sind wir mittendrin in der Gesellschaft oder sind wir nur am Rand, werden nicht mehr gesehen und gehört? Wir müssen uns den Fragen, welche die Menschen von heute bedrängen, stellen und differenzierte Antworten geben. Und vor allem müssen wir den Menschen selbst die Möglichkeit zur Mitgestaltung eröffnen. Nur so lassen sie sich in dem Wandel, der in der Gesellschaft und in der Kirche stattfindet, mitnehmen in eine Zukunft, die auch die ihrige ist.


Das Gespräch führte Thomas Hohenschue.